MIRJAM KNECHT

„Ich bin Coiffeuse, braucht es noch eine weitere Erklärung?“.

Eine Coiffeuse, die diesen Satz über sich sagt, macht keine Dauerwelle, sie hat keinen Freund mit getuntem Golf und sie hält Calmy Rey auch nicht für eine Lippglos-Marke mit Erdbeer-Geschmack. Diese Coiffeuse, die sich selbstironisch über die Klischees ihres Berufsstandes hinwegsetzt, findet man nicht im hippen Zürich, sondern im um 15 Zugminuten entspannteren Baden, Kanton Aargau.

Ein Hauch von Nostalgie der einst glanzvollen Bäderkultur weht noch durch das Viertel nahe der Limmat. Das unkonventionelle Coiffeur-Geschäft passt gut hierher. Die Einrichtung: ein aufmerksam ausgesuchtes Sammelsurium von Mobiliar aus den fünfziger Jahren. Würde man der grossen, sportlichen, jungen Frau mit dem offenen Gesicht im Zug gegenübersitzen, hielte man sie vielleicht für eine Kunstgaleristin oder eine Stylistin. Und man läge nicht falsch, beides gehört in den Aktionsradius von Mirjam Knecht.

Wenn es stimmt, was ich aus eigener Erfahrung vermute, dann ist die Beziehung zum Coiffeur oder der Coiffeuse eine der wenigen Konstanten im Leben vieler moderner Zeitgenossen. Ein Besuch beim Coiffeur kann Therapeuten und Masseure ersparen.

Ich habe Wohnungen, Partner, Arbeitsstellen gewechselt, Mirjam aber bin ich treu geblieben. Denn sie ist selbst nie stehen geblieben. Nicht privat und nicht beruflich. Es sind wohl ihre Kreativität und Neugierde, die sie vorantreiben. Sie entwickelt neue Ideen, neue Projekte und bleibt doch immer ganz bei sich. Nie sieht ihr Laden gleich aus. Bilder, die sie in nächtlichen Stunden gemalt hat oder Accessoires, die sie im Brokiladen gefunden hat, wechseln je nach Stimmung oder Jahreszeit. Das Leben inspiriert sie. Das klingt banal, ist aber in der Umsetzung eine schwierige Sache. So eine Frau verändert vielleicht öfters mal ihre Haarfarbe, nie aber die Freude und zugleich die Ernsthaftigkeit, mit der sie die Dinge angeht. Das Beste an ihr - und damit hätte sie bei den Buddhisten wohl schon die höchste Stufe der Erleuchtung erlangt -, sie lebt ihre Kreativität nicht einfach auf dem Kopf der Kunden aus und macht diesen zu einem Fashion-Objekt.

Sie sucht den Austausch, spürt die Bedürfnisse, die Erwartungen des Menschen, der in den Spiegel blickt. Und sie sucht die sanfte Annäherung von Wunsch und  Realität. Gerade darin zeigt sich die Künstlerin in ihr. Will eine Kundin völlig neu aussehen, hilft sie ihr dabei, ohne dass sich die Frau am Ende in einem fremden Bild verliert. Und will einer zehn Jahre lang gleich aussehen, dann lässt sie ihm das. Unmerklich wendet sie kleine Varianten an, so dass man meinen könnte, man würde zwar immer gleich, aber jedes Mal noch etwas besser aussehen.
Ich hätte in Paris, London, New York, Dubai oder Tokio zum Coiffeur gehen können. Ich habe es nie getan, denn Vertrauen wächst nicht in ein paar Stunden. Mit der Frisur drücken wir unsere Individualität aus, selbst wenn wir auf die Bildchen der Stars zeigen und sagen „so will ich es“. Bei Mirjam fühlte ich meine Individualität immer in sicheren Händen, selbst wenn ich aussehen wollte wie Sharone Stone.

Susanna Heim ist Journalistin bei der NZZamSonntag und seit 1996 Kundin bei Mirjam Knecht

Curriculum vitae - Mirjam Knecht

 
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